Wenn einer geht, …

185 weiße Stühle in Christchurch haben mich wieder an diesen Text erinnert. Geschrieben hatte ich ihn schon vor einer ganzen Weile, aber nie veröffentlicht.

 

Wenn einer geht…

… ist auf einmal nichts mehr wie vorher, einfach alles ist anders.

Mal kein Reiseblog.

 

Es kann viele Momente im Leben geben, in denen einer geht. Im besten Fall sagt man nur für einige Tage Goodbye, manchmal auch für einige Monate und manchmal, ja manchmal ist es auch ein „Mach‘s gut“ für immer.

Sind wir ehrlich, einige Tage sind kein Problem. Bei mehreren Wochen und Monaten wird es schon etwas anderes, aber es ist noch nicht weiter tragisch. Was ist aber bei der letzten Variante, was ist, wenn einer geht und zwar für immer?! Dann ist es nicht mehr ok, nicht mehr so einfach, denn dann ist es einfach nur ziemlich bescheiden. Ein Platz, der in deinem Leben fest vergeben war, ist leer.

 

Man sagt immer die Zeit heilt alle Wunden, ich denke das ist so nicht richtig. Die Zeit bringt lediglich Veränderung ins Leben eines jeden und manchmal machen genau diese Veränderungen, Situationen einfach anders. Selbst die längste Zeit, die sich das Universum nur vorstellen könnte, könnte nichts heilen. Die Zeit lässt es nur wieder Frühling werden, bringt neue Geschenke in unser Leben, verändert uns und lässt uns reifen. Die Zeit bringt nichts zurück, sie macht nichts wieder ganz, aber sie lässt jeden Tag einen neuen Tag beginnen. Ein neuer Tag mit unzähligen neuen Chancen, ein neuer Tag sein Leben zu ändern, ein neuer Tag um zu lächeln und das Leben zu genießen. Die Zeit verändert uns und unsere Ansichten, sie macht uns älter, sie lässt uns neues erleben und sie kann uns nicht nur Menschen nehmen, sondern auch unzählige schenken. Manchmal sind es nur kleine Begegnungen, die ganz unverhofft sind, manchmal sind es aber auch die großen, die unser Leben völlig auf den Kopf stellen.

Wenn einer geht, ist nichts ist mehr wie vorher.

Es gibt da diese Geschichte. Ihr Name lautet: Das perfekte Herz. Mein Herz ist wie das des alten Mannes, ich habe viele Narben, teilweise fehlen ganze Stücke, es ist an vielen Stellen ausgefranst und es ist voll mit kunterbunten Flecken. Mein Herz hat aber auch jede Menge Teile von anderen. Von Menschen, die mir halfen, mich zum Lachen brachten, die bei mir waren, in all den wundervollen Zeiten, oder auch in denen, wo wieder einer ging, die mir zuhörten, mich liebten und mir einen Teil ihres Herzens schenkten.

Die Plätze derjenigen die gegangen sind, die bleiben allerdings für immer leer. Nichts, könnte jemals diese Liebe ersetzen, nicht mal ansatzweise.

 

Und die Zeit, die läuft still weiter.

 

Hätte man die Chance, für immer auf dieses endgültige „Mach’s gut“ zu verzichten, würde man alles auf sich nehmen was nur irgendwie geht. Einfach wieder da hinsetzen wo sie hingehören, neben uns und dort festhalten, bis ans Ende der Zeit. So einfach ist das Leben aber leider nicht. Es macht seit Anbeginn der Zeit immer nur eins: Was es will. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

 

Also was machen, wenn man weiß, dass es keine Möglichkeit auf ein Zurück gibt. Die Lösung ist wieder die Zeit. Am Anfang, ist man froh über jeden Tag der zu Ende geht, dann sind es kleine Momente in denen man mit den Gedanken bei einem anderen Thema ist, dann fangen sich irgendwann an, neue Konstellationen zu bilden. Irgendwann erwischt man sich dabei, dass man beim Gedanken an den anderen anfängt zu lächeln, anstatt zu Weinen. Die einzige Zeitrechnung die in dieser Zeit gilt, ist Tag für Tag einfach abzuwarten. Ein Tag nach dem anderen. Schritt für Schritt.

Dann geht man wieder raus, es läuft das Lieblingslied mit dem man so vieles verbindet, die Tränen laufen einem übers Gesicht und gleichzeitig erwischt man sich dabei, wie man lächelt. Man lächelt und denkt zurück an all die alten Zeiten.

Die Zeit lässt auch diesen Song verstreichen, sie lässt dich morgen früh wieder aufwachen, daran zurückdenken und am Abend wieder ins Bett gehen. Sie vergeht Sekunde für Sekunde und sie rast weiter davon, wie sie es immer tut. Einfach, bleibt es nie und das soll es auch gar nicht. Wenn ein Teil deines Herzens nicht mehr da ist, dann ist das nichts was man wieder reparieren kann. Es ist ein Stück das für immer leer bleibt und nie wieder gefüllt werden kann. Diese fehlenden teile, sind es aber auch, an denen wir am meisten wachsen.

Es sind nicht die Momente im Leben, in denen das Rosa Einhorn vorbei läuft und uns dadurch stärker werden lässt. Im Gegenteil, es sind diese Momente in denen man nicht weiß, wie man nur den nächsten Tag überstehen soll. Diese Stunden, so schmerzhaft sie auch sind, sind es auch, die uns am nächsten Tag wieder aufwachen lassen, die uns vor die Türe gehen lassen, die uns reifen, die uns verändern und die uns irgendwann manche Dinge einfach in Frage stellen lassen. Es sind immer die schweren Ereignisse im Leben, die uns zum Nachdenken bringen und die uns noch mehr kämpfen lassen. Für all das, gibt es keine Anleitung, die man sich mal eben auf Google zusammensuchen kann, das alles tut jeder auf seine eigene ganz spezielle Art und Weise und das ist auch gut so.

 

Wenn einer geht, ist da immer etwas das fehlt. Wenn einer geht, ist nichts mehr, wie es vorher war. Wenn einer geht, ist das eben einfach ziemlich bescheiden. Wenn einer geht, steht das Leben erstmal Kopf. Wenn einer geht, bleibt oft nur ein Warum.

Wenn einer geht, dann lässt uns das aber auch wachsen. Es lässt uns stärker werden. Es lässt uns verändern. Es lässt uns reifen, Dinge in Frage stellen, oder bei anderen so sicher zu sein, wie noch nie zuvor im Leben.

Wenn einer geht, hat das nie etwas Gutes. Der Teil in der Mitte des Puzzles fehlt und egal wie sehr man es sich wünschen würde, oder was man dafür alles tun würde, manche Dinge kann man im Leben nicht ändern. Man muss einfach damit leben, so schwer es einem auch fällt…

Wenn einer geht, dann ist dieser Platz für immer frei. Wenn einer geht, wird man in dieser Zeit selbst stärker und diese Stärke, gilt es zu bewahren. Sie umzusetzen für das restliche Leben, Dinge anzupacken, die man schon immer machen wollte, sich aber einfach nicht getraut hatte. Sie lässt einen morgens aufstehen, und lächeln, sie lässt dich einen Flashback haben, mit einem warmen Gefühl um dich herum. Und sie lässt einen daran glauben, dass keiner der geht, dich traurig sehen möchte.

Diese 185 weißen Stühle, inmitten einer Großstadt sind ein einfaches, aber unglaublich passendes Sinnbild. 185 Stühle für jedes Opfer, dass beim Erdbeben 2011 in Christchurch sein Leben ließ. Diese Stühle, so unterschiedlich sie auch sind, zeigen aber auch, dass wir die Vergangenheit nicht ändern können. Unsere Zukunft allerdings, die haben wir jede Sekunde selbst in der Hand.

 

And it’s hard to Dance with a devil on your back
So shake him off. Shake him off.

Florence + the Machine


4 Gedanken zu “Wenn einer geht, …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s